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Fussabdruck Gottes

Sie sa� auf dem riesigen Stein, der in der ganzen Gegend der Fu�abdruck Gottes genannt wurde, da er, wenn man ihn von oben betrachtete, genau die Form eines Fu�abdrucks hatte.
Sie schaute hinauf in den Himmel, den Kopf weit in den Nacken gelegt, den kleinen sch�nen Mund leicht ge�ffnet vor Staunen und die Augen ganz gro�. So eine Nacht hatte es in ihrem Wald lange nicht gegeben. Sterne, so hell und klar. Sie hatte den Eindruck, sie k�nne sie streicheln, wenn sie nur den Arm nach ihnen ausstreckte. Einen Mond kurz vor der Vollendung der vollen Kugel, in einem fast gespenstisch strahlenden Silberlicht. Auch er, so schien es, viel gr��er und heller als sonst. Und jetzt, da sie so staunend zum Himmel blickte, fing es an Sternschnuppen zu regnen. �Nur f�r mich�, dachte das kleine Ding auf Gottes Fu�abdruck, und das Staunen nahm kein Ende.
Ihr kam nicht in den Sinn, dass so etwas wundersch�nes der Vorbote f�r irgendetwas ein k�nnte. Sie sa� nur da, streckte ein ums andere Mal die Arme in die Luft, um sich zu vergewissern, dass sie die Sterne wirklich nicht greifen und den Mond wirklich nicht anfassen und auch keine der unz�hligen Sternschnuppen fangen konnte.

Die kleine Waldlichtung, in deren Mitte sich der riesige Stein befand, war etwas ganz besonderes f�r sie. Es verging kein Abend, an dem sie nicht hier her kam um sich auf den Stein zu setzen. Rundherum bl�hten im hohen Gras Blumen und wuchsen Kr�uter, die es sonst im ganzen Wald nicht mehr gab. Es kam vor, wenn auch nur selten, dass sich jemand hierher verlief, um Kr�uter oder ein paar Pilze zu sammeln. Doch sie war bisher nur einmal wirklich jemandem begegnet.

Wie jeden Abend sa� sie auf ihrem Stein, da h�rte sie es im nicht sehr dichten Unterholz knacken und rascheln. Da es in diesem Wald auch viele Tiere gab, verschwendete sie nicht viele Gedanken an diese Ger�usche und unterhielt sich weiter mit den Dingen.
Als etwas sie an ihrer Schulter ber�hrte, war sie so erschrocken, dass ihr der Atem stockte. Einen kurzen Moment lang leuchtete ihr ganzer K�rper feuerrot auf und ein Zittern lie� sie erbeben. Wer wagte es sie anzufassen? Mit einem Ruck, der heftig genug war, dass sie beinahe vom Rand des Steines, an dem sie sa�, heruntergefallen w�re, drehte sie sich um - und sah unvermittelt in ein anderes Paar Augen, die in diesem Moment mindestens genauso staunend und �ngstlich dreinblickten wie ihre eigenen. Vor lauter Schreck konnte sie es allerdings nicht verhindern, dass ihr in dieser Sekunde ein kleiner Blitz aus den magischen Fingern rutschte. Das Wesen das vor ihr stand war erheblich gr��er als sie. Sie hatte schon viel �ber diese Wesen geh�rt und auch schon ihre Spuren an vielen stellen im Wald gefunden, aber noch nie eins gesehen: ein Mensch!

Das Menschenwesen fing an zu sprechen: �Hallo du kleines...�. Sie musste sich die Ohren zuhalten, denn es war ein so ungewohnter Ton, dass es ihr im ersten Moment weh tat. Der Mensch merkte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte und fl�sterte nun weiter: �Wer bist du denn?�. Sie legte den Kopf zur Seite, und �berlegte. Sie hatte die Frage verstanden, hatte die Sprache der Menschen einmal gelernt, doch war das so lange her, dass ihr die Worte in der Menschensprache nicht gleich einfielen. Sie atmete einmal tief durch, stellte sich aufrecht hin und mit leiser, aber furchtloser Stimme sagte sie: �Ich bin Enelya N�nharma!� Dann, in leicht abwertendem Tonfall: �Und du, Mensch?� �Ich bin Malina. Malina, das Abendweib. So werde ich genannt, dort wo ich lebe.�, fl�sterte die Menschenfrau ganz sanft und leise. Erst jetzt nahm Elenya wahr, dass der kleine Blitz den sie zuvor abgeschossen hatte, wohl Malinas Augenbraue getroffen haben musste, denn Malina rieb noch immer mit leicht schmerzverzogenem Gesicht �ber die Stelle. �Entschuldigung, f�r das da.�, sagte Enelya etwas kleinlaut und deutete auf die leicht angekohlte Augenbraue Malinas. Diese winkte nur ab: �Halb so schlimm.� Fragte aber gleich anschlie�end: �Geh�rst du zum Waldvolk der Elgnis?� Die kleine Enelya wurde ganz aufgeregt und lie� alle Vorsicht fallen, trat einen Schritt auf die Menschenfrau zu, legte den Kopf wieder zur Seite und stie� hervor: �Woher wei�t du das?�

So begann Malina das Abendweib ihr zu erz�hlen, all die Fabeln, Geschichten und Sagen, welche die Menschen sich �ber die Elgnis seit Jahrhunderten erz�hlten. Malina hatte sich w�hrend ihrer Erz�hlungen auf den Rand des Steines gesetzt. Enelya N�nharma hatte sich neben ihr niedergelassen und lauschte. Manchmal juchzte sie auf vor Freude, zog manchmal die Stirn in Falten, wenn ihr etwas missfiel, l�chelte manchmal wissend und manchmal brach sie in lautes Gekicher aus �ber die Unwissenheit des Menschenvolkes.
Als Malina mit ihren Erz�hlungen am Ende angekommen war, hatte sich schon der Nachtnebel auf die Waldlichtung gelegt und die Sterne glitzerten am Himmel. Malina wollte sich nun auf ihren Heimweg machen und erhob sich, da hielt die kleine Elgnis sie am Saum ihres Gewandes fest, als k�nne sie die Menschenfrau damit aufhalten und fragte mit neugierigem Blick: �Kommst du denn wieder? Du musst mir noch viel mehr erz�hlen, ich wei� doch nicht viel �ber euch Menschenvolk.� Diese Frage klang so kindlich neugierig, dass Malina lachen musste und entgegnete: �Enelya N�nharma es wird mir eine Ehre sein Euch noch mehr Geschichten zu erz�hlen�, und deutete einen Hofknicks an.

So kam es, dass die beiden ungleichen Freundinnen sich allabendlich am Fu�e Gottes trafen, sich niedersetzten und sich gegenseitig Geschichten, Sagen, Fabeln und M�rchen erz�hlten.
Bis Enelya eines Abends sagte: �Malina Abendweib, ich wei� nicht zu welchem Volk du geh�rst, aber die Menschen k�nnen es nicht sein!� Malinas Blick wurde mit einem mal ganz traurig: �Ja kleine Enelya, dass glaube ich auch manchmal.� Denn sie f�hlte sich oft sehr einsam. Die Menschen in ihrem Dorf schimpften sie wegen ihrer roten lockigen Haarpracht und ihrer Freude an den Kr�utern und Pflanzen des Waldes eine Hexe. Keiner ging an ihrem kleinen H�uschen am Dorfrand vorbei, ohne davor auszuspucken und sich gleich danach zu bekreuzigen. Warum das so war wusste sie nicht. So ging Malina lieber in den Wald, sammelte Beeren und Kr�uter, setzte sich ins Moos und sprach mit den Dingen.

Mit einem leisen Seufzen bemerkte Enelya, dass sie ganz die Zeit vergessen hatte beim Anblick des so sonderbaren Himmels und w�hrend sie in dieser Erinnerung schwelgte. Malina das Abendweib war nicht am Fu�abdruck Gottes erschien. Zum ersten mal kam sie nicht. Auch am n�chsten Abend tauchte Malina nicht auf. Langsam wuchs in ihr eine unbestimmte Unruhe. Sie f�hlte, dass Malina sie brauchte. Dann begannen die Dinge ihr von Feuer und Unheil, von Ungl�ck und Leid zu erz�hlen. Sie beschloss sich auf die Suche nach ihrer Freundin zu machen. Leider wusste sie nicht so recht wo sie anfangen sollte, also fragte sie die Dinge im Wald: �Habt ihr Malina das Abendweib mit dem Feuerhaar gesehen?� Und die Dinge wiesen ihr den Weg. Ab und an blieb Enelya stehen, nahm sanft ein Blatt oder einen Farnzweig, ein paar Grashalme oder ein Mooskissen zwischen ihre feinen Finger und fragte wieder: �Sag, hast du Malina das Abendweib mit dem Feuerhaar gesehen?� So fand sie unerm�dlich den richtigen Weg bis an den Rand des Waldes, an welchen das Dorf grenzte, in dem Malina lebte.

Sie war aufgeregt, denn noch nie zuvor hatte sie eine Ansiedlung des Menschenvolkes gesehen, sie hatte noch nie ihren Wald verlassen. Wieder b�ckte sie sich und nahm einen Stein in ihre zarten H�nde: �Sag,�, fl�sterte sie: �wei�t du in welcher Behausung Malina das Abendweib lebt?� Der Stein erz�hlte Enelya: �Oh, kleines Elgnis ich wei� es wohl, doch solltest du schnell wieder zu deinem Volk zur�ckkehren, in die Sicherheit des Waldes, denn die Menschen sind nichts f�r euch Waldwesen.� �Ich bin hier um meiner Freundin zu helfen, also sag schon wo sie lebt�, doch aus dem Stein war kein Wort mehr heraus zu bekommen. Enelya legte den Stein zwar behutsam zur�ck auf die Erde, dennoch war sie zornig dar�ber, keine Antwort bekommen zu haben.
Sanft legte sie ein paar Schritte weiter ihre H�ndchen an das Blatt einer L�wenzahnpflanze. �Bitte, bitte, kannst du mit nicht sagen in welcher Behausung Malina das Abendweib lebt?� Hier bekam sie nach einigem Murren und noch mehr Warnungen endlich die Antwort die sie brauchte. �Geh nur, geh, wenn du nicht auf uns h�ren willst.�, sprach der L�wenzahn zu dem kleinen Wesen: �Die Behausung deines Menschen hat Augen und Ohren geschlossen, nichts l�sst es hinein und nichts heraus. Du wirst es schon erkennen gleich da dr�ben, an der Stelle, auf die weder Sonne noch Mond jemals ihr Licht scheinen lassen. Da lebt dein Abendweib, welches das Menschenvolk Hexe nennt.� Enelya stimmte die Rede des L�wenzahns sehr traurig. �Sag L�wenzahn, warum sprichst du so schlecht �ber meine Menschenfreundin?� �Oh, ich kann nicht weg von meinem Flecken hier, der zwar sch�n doch immer gleich ist. So gebe ich nur weiter was ich h�re, wenn ihre Artgenossen hier vorbeigehen und reden. �ber die hinter hohen Hecken versteckte und efeuberankte Behausung und deren Bewohnerin.�
Die kleinen H�ndchen Enelyas lie�en das L�wenzahnblatt los. In ihren Augen f�hlte sich etwas ganz komisch an, der Blick wurde ganz verschwommen �Das m�ssen Tr�nen sein!?�, dachte die kleine Elgnis bei sich. Sie wusste es nicht sicher, denn noch nie war Wasser aus ihren Augen �ber ihre Wangen gelaufen. Sie kannte Tr�nen nur aus den Erz�hlungen Malinas �ber die Menschen, Denn in ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie einen Elgnis weinen sehen.
Mutig verlie� sie nun die letzte Sicherheit ihres geliebten Waldes und ging hin�ber zu Malinas Haus. Oh, was sah sie da? Die Hecken waren zerst�rt! Die Efeuranken von den Mauern gerissen! Fenster und T�ren mit dicken Brettern zugenagelt! Was war hier nur passiert?
Da vernahm sie aus der Ferne zorniges Gebr�ll und wusste, sie musste sich beeilen. Es dauerte nicht lange, da hatte sie einen Spalt gefunden, gerade breit genug f�r ihren kleinen K�rper war, so dass sie ins Innere des Hauses schl�pfen konnte. "Malina!" rief sie so laut sie nur konnte. "Malina Abendweib!" �Wo kommst du denn her Enelya?�, sprach Malina leise, �Du solltest nicht hier sein, es ist kein guter Zeitpunkt und kein guter Ort f�r Wesen und Dinge, die anders sind als DIE da drau�en.� Mit entschlossener Stimme forderte die kleine Elgnis sie auf schnell zu erz�hlen was passiert sei, denn sie h�rte was f�r Malinas Ohren noch verborgen blieb: SIE kamen immer n�her!
So erz�hlte ihre Menschenfreundin: �Vier K�lber starben in einer Nacht. Eine Frau brachte Zwillinge zur Welt, auch diese starben in der selben Nacht. Am n�chsten Morgen gaben alle K�he saure Milch und die H�hner legten keine Eier. So gaben sie mir, die Schuld. Sie sagten, ich h�tte das Dorf verhext. Sie haben mich hier eingesperrt und ich wei� nicht was sie vor haben.� Schweigend, den kleinen Kopf zur Seite geneigt, hatte Elenya die Geschichte verfolgt, doch am feuerroten Leuchten konnte man ihr ansehen wie w�tend sie war.
Da erhob sie sich seufzend und stie� pl�tzlich einen gellenden Schrei aus, so laut und so hoch, dass Malina sich diesmal die Ohren schmerzend zuhielt. Enelya begann sich zu drehen, die Bewegung wurde immer schneller, dass es irgendwann aussah als w�rde ein kleiner leuchtender Kreisel �ber den Tisch tanzen. Von �berall her sausten pl�tzlich kleine leuchtende Punkte auf Enelya zu und vereinten sich mit ihrem Licht zu einer, immer gr��er werdenden, einheitlichen, schillernden, leuchtenden Gestalt. Bald war der ganze Tisch, einen Moment sp�ter bereits der ganze Raum von Licht erf�llt.
Malina traute ihren Augen kaum, was passiere hier? Da erhob sich aus dem leuchtenden Wesen ein leises Summen, das langsam zu einem f�r Malinas Ohren fast unertr�glich lauten Ton anschwoll. Die Luft begann zu sirren als w�rden tausende von Bienenv�lkern mit ihren Fl�geln die Luft zum Zittern bringen. Die Lichtgestalt bewegte sich auf einer Wand des Raumes zu und die Mauer st�rzte ein, gerade so, als w�rde sie vor Ehrfurcht dem Licht, dem Zittern, Surren und Brummen weichen. Da stoben die kleinen Lichtpunkte mit einem mal wie durch eine Explosion auseinander, entschwanden in alle Himmelsrichtungen und nur die kleine Enelya war zu sehen wie sie, sich immer langsamer drehend, zur Erde niedersank. �Lauf Malina Abendweib, lauf zum Fu�abdruck Gottes und warte dort auf mich, egal wie lange es dauert, geh dort nicht weg!� Ohne lange zu fragen rannte Malina los und hielt nicht eher an, als bis sie an dem Stein ankam. Sie legte sich ersch�pft darauf und er f�hlte sich warm an, weich und warm wie ein Bett. So dauerte es nicht lange und Malina war eingeschlafen.

Doch im Traum sah das Abendweib, was im Dorf geschah. Ihr doch sehr zerst�rtes Haus leuchtete als w�rde es in regenbogenfarbenen Flammen lodern. In sicherem Abstand sah sie die Sippe aus dem Dorf um ihr Haus stehen. In ihren Gesichtern eine Mischung aus Staunen, Zorn, Unglauben und Angst. Da war es pl�tzlich als w�rde sich aus dem Summen, das Malina ja bereits kannte, eine Stimme formen. Erst waren die Worte nicht zu verstehen, doch dann verk�ndete diese Stimme donnernd: �Einen guten Menschen, den ihr zu Unrecht verurteilt und einen Ort, den ihr verflucht, obwohl dort nur Gutes lebt, habt ihr nicht verdient. Und so wird es euch genommen.� Und in drohendem Ton f�gte die Stimme hinzu: �Verschwindet!� Als h�tten die Leute darauf gewartet, stoben sie voll Angst auseinander, jeder sich selbst der N�chste, jeder so schnell wie m�glich in sein Heim. Doch alle die am n�chsten Morgen glaubten nur getr�umt zu haben und zu der Stelle gingen an der das Haus stand, fanden nichts weiter vor als eine Blumenwiese auf der nichts weiter war als ein Lilienstrauch.

Als Malina erwachte lag sie in ihrem eigenen Bett, zugedeckt mit ihrer eigenen Decke. Ein kleiner Rundgang durchs Haus zeigte, dass es v�llig in Ordnung war und als sie vor ihre Haust�r, trat sah sie in einigen Metern Entfernung Enelya N�nharma im Mondlicht auf dem Fu�abdruck Gottes sitzen und in die Sterne schauen.

�by http://www.schnuckerzecke.de/



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